Data Journalism

Open Journalism: 13 Open-Source-Projekte, die Journalisten kennen sollten

Branko Trebsche 5 Min. Lesezeit Datenvisualisierung GitHub Journalismus Newsroom Open Journalism Open Source
Open Journalism: 13 Open-Source-Projekte, die Journalisten kennen sollten
Auf einen Blick

GitHub sammelt in der Collection "Open Journalism" die wichtigsten Open-Source-Werkzeuge für Journalisten. Von Datenanalyse über interaktive Grafiken bis zu Lasttests – wir stellen alle 13 Projekte vor und zeigen, wie sie den Newsroom verbessern.

Datengetriebener Journalismus braucht die richtigen Werkzeuge

Journalisten arbeiten längst nicht mehr nur mit Text und Bild. Die Recherche von FiveThirtyEight, Recherchen von ProPublica oder interaktive Grafiken der LA Times zeigen: Journalismus wird zunehmend datengetrieben und softwaregestützt. GitHub hat die Collection Open Journalism zusammengestellt – 13 Projekte, die zeigen, wie Open Source den Journalismus verändert.

Daten beschaffen und analysieren

Der Kern des Datenjournalismus sind verlässliche Datenquellen und reproduzierbare Analysen. Gleich mehrere Projekte in der Collection adressieren genau diese Herausforderung.

FiveThirtyEight/data ist mit über 17.000 Sternen das bekannteste Projekt der Sammlung. Das Repository enthält die Datensätze und den Code hinter den Artikeln und Grafiken der amerikanischen Analyse-Plattform. Von Wahlprognosen über Sportstatistiken bis zu gesellschaftlichen Themen – jedes Unterverzeichnis enthält Rohdaten im CSV-Format, Analyse-Notebooks in Jupyter Notebook und R-Skripte. Journalisten können diese Daten nicht nur für eigene Geschichten nutzen, sondern auch die Methodik von FiveThirtyEight nachvollziehen und für ihre Arbeit adaptieren.

Das Team der Los Angeles Times geht mit datadesk/notebooks einen Schritt weiter. Hier finden sich 38 vollständige Jupyter-Notebooks aus der täglichen Recherchearbeit – von der Analyse von Obdachlosen-Verhaftungen über die Auswertung von Polizeidaten bis zur Untersuchung von Hitzetoten in Kalifornien. Jedes Notebook dokumentiert den gesamten Analyse-Workflow und ist eine hervorragende Lernressource für angehende Datenjournalisten.

Census Reporter löst ein spezifisches Problem: Der U.S. Census stellt riesige Datenmengen zur Verfügung, aber für Journalisten sind sie oft unzugänglich. Die Plattform bereitet die Daten des American Community Survey (ACS) auf und bietet eine API, mit der sich demografische Profile, Vergleiche und Karten erstellen lassen – ohne tiefe Census-Kenntnisse. Das Projekt wurde vom Knight News Challenge gefördert und zeigt, wie Open Source die Zugänglichkeit von Behörden-Daten verbessert.

Interaktive Geschichten erzählen

Die Präsentation von Daten ist genauso wichtig wie ihre Analyse. Auch hierfür liefert die Collection etablierte Werkzeuge.

The Guardian/frontend ist die technische Basis von theguardian.com – geschrieben in Scala mit dem Play Framework. Das Repository zeigt, wie eine der größten Nachrichten-Websites der Welt skaliert wird. Besonders spannend für journalistische Entwickler: die Architektur-Entscheidungen, die Performance und Caching-Strategien, die sicherstellen, dass Breaking News auch bei Millionen Zugriffen stabil ausgeliefert werden.

NPR/app-template ist das Projekttemplate der NPR-Visuals-Teams. Es bietet eine komplette Infrastruktur für interaktive News-Apps: Rendering von HTML aus Daten, Kompilieren von LESS in CSS, Deployment zu Amazon S3, Copy-Editing via Google Spreadsheets und Cron-Jobs für regelmäßige Daten-Updates. Auch wenn das Template NPR-spezifische Komponenten enthält, lässt es sich als Blaupause für jedes Nachrichten-Projekt nutzen.

BloombergGraphics/whatiscode ist ein besonderes Projekt: Es enthält den Code und die Texte zu Paul Fords legendärem Bloomberg-Artikel „What Is Code?“ – einem 38.000 Wörter langen interaktiven Longread, der als Meilenstein des digitalen Journalismus gilt. Das Repository dokumentiert, wie aufwändige interaktive Features, Custom-Typografie und responsives Design in einem journalistischen Projekt zusammenspielen.

Visuelle Werkzeuge für Social Media

Soziale Netzwerke sind der wichtigste Verbreitungskanal für journalistische Inhalte. Zwei Projekte helfen bei der Erstellung von Social-Media-Grafiken.

VoxMedia/meme ist ein Generator für Social-Sharing-Bilder, den Vox Media für seine Marken wie SB Nation entwickelt hat. Das Tool erlaubt die Kombination von Bildern, Text und Wasserzeichen und ist vollständig anpassbar. Journalisten können damit in Sekunden ansprechende Social-Media-Grafiken erstellen, ohne Design-Software öffnen zu müssen.

Die Times/cardkit geht noch weiter: Es ist ein voll konfigurierbarer Image-Editor, der sowohl im Browser als auch serverseitig mit Node.js läuft. Besonders wertvoll: CardKit kann Social-Media-Karten automatisiert generieren – zum Beispiel direkt aus dem CMS heraus. Das spart Zeit und sorgt für einheitliche Formate.

Qualitätssicherung und Infrastruktur

Hinter jedem guten journalistischen Produkt stehen solide Infrastruktur und klare Standards.

ProPublica/guides ist die vielleicht praktischste Ressource der Sammlung. ProPublica, das bekannte Investigativ-Team, hat seine internen Style Guides veröffentlicht. Die drei Guides decken ab:

  • Design und Struktur von News-Apps
  • Daten-Stil – wie Daten in journalistischen Kontexten präsentiert werden
  • Data Bulletproofing – Methoden, um Datenfehler zu vermeiden

Gerade der Bulletproofing-Guide ist für jeden Datenjournalisten eine Pflichtlektüre.

Newsapps/beeswithmachineguns klingt verspielt, ist aber ernst: Das Tool startet viele kleine EC2-Instanzen in der Amazon Web Services (AWS)-Cloud, um Lasttests auf Webanwendungen durchzuführen. Nachrichten-Websites müssen Breaking-News-Spitzen standhalten – Bees with Machine Guns simuliert genau diese Szenarien und deckt Engpässe auf, bevor die Leser sie spüren.

TimeMagazineLabs/babynames beweist, dass auch einfache Datensätze fesselnde Geschichten liefern. Das Projekt analysiert die Babynamen-Daten der Social Security Administration und zeigt, wie aus öffentlichen Daten journalistische Stories entstehen. Ein ideales Einsteiger-Projekt für Datenjournalismus.

DukeChronicle/chronline ist das CMS der Studentenzeitung der Duke University. Es zeigt, wie auch kleine Redaktionen mit begrenztem Budget eine professionelle Publikationsplattform betreiben können. Geschrieben in Ruby on Rails, ist es ein vollwertiges Content-Management-System für Nachrichtenmedien.

Transparenz als journalistisches Prinzip

Mkiser/WTFJHT (What The Fuck Just Happened Today) protokolliert täglich die politischen Ereignisse in den USA. Das Repository ist ein Beispiel für chronologischen Journalismus: Jeder Eintrag ist ein Memento, eine Momentaufnahme des politischen Geschehens. Der Code ist offen, die Daten sind nachvollziehbar – ein Musterbeispiel für transparenten Journalismus.

Open Source als journalistische Strategie

Die GitHub-Collection Open Journalism macht eines klar: Open Source ist im Journalismus keine Randerscheinung mehr. Große Nachrichtenorganisationen wie der Guardian, NPR, ProPublica und die LA Times setzen auf offene Technologien, teilen ihre Werkzeuge und profitieren von der Zusammenarbeit mit der Entwickler-Community.

Für Journalisten lohnt sich der Blick in diese Projekte aus drei Gründen:

  1. Lernen: Die Repositories dokumentieren reale journalistische Arbeitsabläufe
  2. Wiederverwenden: Viele Werkzeuge lassen sich direkt im eigenen Newsroom einsetzen
  3. Inspirieren: Die Projekte zeigen, welche technischen Möglichkeiten es jenseits von Wordpress und Co. gibt

Die Zukunft des Journalismus ist offen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Fachbegriffe in diesem Artikel
American Community Survey (ACS)
Jährliche Erhebung des U.S. Census Bureau, die detaillierte demografische Daten zu Bevölkerung, Einkommen, Bildung und Wohnverhältnissen liefert. Der ACS ist eine der wichtigsten Datenquellen für Datenjournalisten in den USA.
Amazon Web Services (AWS)
Cloud-Plattform von Amazon, die Rechenleistung, Speicher und Infrastruktur bereitstellt. AWS wird von Nachrichtenorganisationen genutzt, um Lasttests durchzuführen und Webanwendungen zu hosten.
Knight News Challenge
Förderprogramm der John S. and James L. Knight Foundation, das innovative Technologieprojekte im Journalismus unterstützt. Das Programm hat Projekte wie Census Reporter und DocumentCloud finanziert.
Jupyter Notebook
Webbasierte Entwicklungsumgebung, die Code, Visualisierungen und Text in einem Dokument vereint. Jupyter Notebooks sind das Standardwerkzeug für Datenjournalisten, um Analysen durchzuführen und zu dokumentieren.
Ruby on Rails
Webframework für die Programmiersprache Ruby, das das schnelle Entwickeln von datenbankgestützten Webanwendungen ermöglicht. Wird auch von kleineren Nachrichtenredaktionen für Content-Management-Systeme genutzt.
Amazon S3
Cloud-Speicherdienst von Amazon Web Services. Wird häufig von Nachrichtenorganisationen genutzt, um statische News-Apps, interaktive Grafiken und Mediendateien auszuliefern.
Scala
Eine Programmiersprache, die funktionale und objektorientierte Programmierung vereint und auf der Java Virtual Machine (JVM) läuft. Scala wird unter anderem von The Guardian für sein hochskalierbares Frontend eingesetzt.
AST
Abstract Syntax Tree – eine Baumstruktur, die den syntaktischen Aufbau von Quellcode repräsentiert. Sicherheitswerkzeuge nutzen AST-Analyse, um gefährliche Code-Aufrufe wie exec(), eval() oder subprocess zu erkennen.
RAG
Retrieval-Augmented Generation – Ein Verfahren, bei dem ein LLM vor der Antwortrelevante Informationen aus einer externen Wissensdatenbank abruft, um seine Antworten zu verbessern.

Häufige Fragen

Was ist Open Journalism?

Open Journalism ist eine GitHub-Collection, die Open-Source-Projekte für Journalismus bündelt. Sie umfasst Werkzeuge für Datenanalyse, interaktive Grafiken, Social-Media-Bilder und Newsroom-Infrastruktur.

Welche Vorteile haben Open-Source-Tools für Journalisten?

Open-Source-Tools sind kostenlos, transparent und von der Community geprüft. Journalisten können sie anpassen, voneinander lernen und sind nicht an kommerzielle Anbieter gebunden.

Was ist der Unterschied zwischen Datenjournalismus und Open Journalism?

Datenjournalismus ist eine Methode, die Daten für Recherche und Storytelling nutzt. Open Journalism bezeichnet den Einsatz offener Technologien und kollaborativer Entwicklungsansätze im Journalismus.

Welche Projekte aus der Open-Journalism-Collection sind für Einsteiger geeignet?

fivethirtyeight/data für erste Datensatz-Analysen, TimeMagazineLabs/babynames als einfaches Einstiegsprojekt und ProPublica/guides für die grundlegende Methodik.